„Lagerung in Neutralstellung“ bzw. LiN® Lagerung.

 

Dieser Artikel befasst sich mit dem Lagerungskonzept „LiN®“. Es bedeutet „Lagerung in Neutralstellung“ und ist ein neurophysiologisches Positionierungskonzept bei dem alle Körperabschnitte günstig zueinander positioniert werden, um einen tonusregulierenden Effekt auf die Körpermuskulatur zu erzielen und eine maximale Bequemlichkeit für den Patienten*innen zu erzeugen. (LiN-Arge, 2021)

 

LiN®, also die Lagerung in Neutralstellung, wurde von der Physiotherapeutin Heidrun Pickenbrock für ihre Patienten*innen im Jahr 2000 während ihrer Arbeit auf einer Stroke Unit entwickelt. Pickenbrock fiel auf, dass alle Patienten*innen, ganz gleich wie man sie im Bett positioniert, immer eine für die Muskulatur und den Tonus ungünstige Körperposition innehatten. Daraus entstand die Grundidee zur Lagerung in Neutralstellung. Pickenbrock erarbeitete vier Prinzipien, welche die heutige Grundlage für LiN® – Lagerung in Neutralstellung bilden. (LiN-Arge, 2021)

 

„Die Grundprinzipien von LiN® Lagerung“

 

1. Halt und Stabilität für den Patienten

Gesunde Menschen mit intakten ZNS (zentralen Nervensystem) sind in der Lage vor eine Bewegung des Körpers die Haltemuskulatur zu aktivieren, um für ausreichend Stabilität zu sorgen. Durch Schädigungen am ZNS oder degenerative Veränderungen kann es dazu kommen, dass die Fähigkeit normale Muskulaturspannung aufzubauen verloren geht.

Die Lagerung muss dem Patienten*innen ausreichend Halt geben. Durch eine Stabilisierung von außen wird die Gefahr eines sekundären Hypertonus gemindert. Das bedeutet, dass für eine LiN® Lagerung das Positionierungsmaterial fest an den Körper des Patienten*innen anmodelliert wird und alle Hohlräume am Körper (z.B. Nacken, Lendenwirbelsäule und Kniebeuge) ausgefüllt werden,  sodass eine maximale Stabilität hergestellt wird. (Pickenbrock, 2005 und Hartnick, 2009)

 

2. Körperabschnitte günstig zueinander positionieren

Ein gesunder Mensch legt sich auf eine Unterlage und sein Körper passt sich der Unterlage an. Er verfügt über eine normale Muskelaktivität und Sensorik und verändert automatisch seine Position, wenn ihm diese unangenehm wird. Patienten*innen mit Bewegungseinschränkungen können dies jedoch nicht. Durch das Liegen auf einer Unterlage, kann es durch neuromuskuläre Vorgänge ohne das entgegenstehende Lagerungskonzept der LiN® Lagerung dazu kommen, dass die Muskulatur anhaltend verkürzt oder verlängert ist. Dies kann zu Tonusveränderungen führen und im weiteren Verlauf Schmerzen und Kontrakturen verursachen, mindestens aber begünstigen.

Die Lagerung sollte deshalb so gestaltet sein, dass es so wenig wie möglich zu lagerungsbedingten Muskulaturverkürzungen und Tonusveränderungen kommt.

Bei einer Lagerung in Neutralstellung passt sich der Körper also nicht an die Unterlage an, sondern die Unterlage wird an den Körper angepasst. (Pickenbrock, 2005 und Hartnick, 2009)

 

3. Neutralstellung modifizieren, individueller Lösungsansatz

Eine Neutralstellung kann nur hergestellt werden, wenn der Gelenkstatus es zulässt. Einige Patienten*innen haben ggf. schon vorhandene Fehlstellungen und krankhafte Veränderungen im Bewegungsapparat.

Eine Neutralstellung wird also dem aktuellen Status der Gelenke angepasst und nicht erzwungen. Die Positionierung sollte unbedingt bequem und angenehm sein. (Pickenbrock, 2005 und Hartnick, 2009)

 

4. Unterstützungsfläche anpassen

Ein Wichtiger und zu beachtender Aspekt sind chronische Wunden. Diese verursachen Funktionseinschränkungen, Schmerzen und  vermindern die Lebensqualität der Patienten*innen.

Die Lagerung muss so angepasst sein, das eine maximale Druckentlastung für gefährdete Knochenpunkte gegeben ist. Durch das Anmodellieren an den Körper und das Ausfüllen von Körperhohlräumen mit Lagerungsmaterial, kann eine gleichmäßige Druckverteilung erreicht werden. (Pickenbrock, 2005 und Hartnick, 2009)

 

„Lagerungskonzept LiN® vs. konventionelle Lagerungen“

 

LiN® unterscheidet sich zu herkömmlichen Positionierungen, weil die Körperabschnitte ohne Überdehnung und Verkürzung der Muskulatur günstig zueinander positioniert werden. Gesunde, sowie paretische und spastische Körperabschnitte werden entgegen der Schwerkraft mit ausreichend Positionierungsmaterial stabilisiert. Körperhohlräume werden ausgefüllt, sodass sich nicht der Körper an die Unterlage anpassen muss, sondern die Unterlage an den Körper. Die Konstitution, Position sowie Einschränkungen des Bewegungsapparates sind nur begrenzte Faktoren. (Hartnick, 2009)

 Schematische Darstellung LiN

Abbildung 1 LiN® vs. konventionelle Lagerung (Lin-Arge, 2021)

           

Auf dem Bild ist gut zu erkennen, wo der explizite Unterschied zur konventionellen Positionierung besteht. Gezeigt wird hier eine 90° Position. Deutlich sichtbar ist, dass bei einer konventionellen Lagerung (A) der Körper sich der Unterlage anpasst und es zu einer Dehnung in der Muskulatur kommt. Dies kann auf Dauer zu Muskulatur und Sehnenverkürzungen kommen. Bei LiN® (B) ist klar zu erkennen, dass durch Lagerungsmaterial die Unterlage an den Körper angepasst wurde. Hohlräume wie der Lendenbereich wurden unterstützt, Arme und Beine günstig zur Körpersemantik positioniert.

 

„Vorgehensweise bei LiN®

 

Bevor es an die eigentliche Lagerung (LiN®) geht, sollte das Pflegepersonal die individuelle Situation der genauestens analysiert werden. Dabei ist zu beachten, bei welchen Körperabschnitten der / die  Patient*in Unterstützung benötigt, welche Einschränkungen bestehen und was die eigentliche therapeutische Zielsetzung ist. Alle bekannten konventionellen Arten der Positionierung können in Neutralstellung erfolgen, dazu gehören die Rückenlage, stabiler Sitz im Bett oder Rollstuhl, 30°, 90° und 135°- Lagerung auf dem Bauch. Für die Durchführung der LiN® eignen sich übliche Steppdecken und lockere Kissen, da diese sich optimal an den Körper anmodellieren lassen. Wie viel Material genau benötigt wird, hängt individuell von der Person und deren Körpersemantik, -größe, und –zustand ab. (Hartnick, 2009)

 

 

 

Als Faustregel gilt laut Pickenbrock (2005), „…Je schwerer der Bewohner betroffen ist, je größer und schwerer er von seiner körperlichen Konstitution und je weicher die Unterlage ist, desto mehr Material wird benötigt.“ S.68

LiN LAgerung einer Patientin

 

Abbildung 2. (stabiler Sitz in LIN®) 

In Abbildung 2 ist der stabile Sitz in Neutralstellung zu sehen. Es ist gut zu sehen, dass alle Körperabschnitte günstig zueinander positioniert sind. Die bestehenden Einschränkungen der Gelenke wurden bei dieser Position berücksichtigt.

Die Dauer einer LiN® sollte individuell betrachtet werden und an die aktuell geltende Empfehlung von zweistündigen Positionierungswechsel des Expertenstandards „Dekubitusprophylaxe in der Pflege, 2. Aktualisierung (Juni 2017) gekoppelt sein. (DNQP, 2017)

 

„Ziele von LiN®

 

LiN® soll vor allem die Beweglichkeit verbessern und Bequemlichkeit vermitteln, hinzu kommt die Vermeidung von Druckgeschwüren, Erleichterung der Eigenaktivität, das Vermitteln von Sicherheit und die evidenzbasierte Unterstützung bei der Behandlung von Kontrakturen. (LiN-Arge, 2021)

 “Ausbildung zum/r LiN® Trainer*in

Die Ausbildung zum/r LiN® Trainer*in hat die LiN®-Arge auf Ihrer Internetseite folgend definiert. Voraussetzung ist eine zweijährige Berufserfahrung mit Patienten*innen mit Einschränkungen in der Mobilität mit anerkanntem Abschluss in der Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie oder als examinierte*r Gesundheits‐ und Krankenpfleger*in oder examinierte*r Altenpfleger*in. Des Weiteren ist nach einer Teilnahme an einem LiN® Grundkurs und einer weiteren Hospitation die Empfehlung eines LiN® Trainers*in von Nöten.
(https://www.lin-arge.de/uploads/files/Ausbildungsrichtlinien(1).pdf)         

„Fazit“

LiN® ist ein Lagerungskonzept welches mittlerweile weit verbreitet ist. Gerade im neurologischen Bereich kommt die LiN® Lagerung durch ihre evidenzbasierten Ansatz vermehrt zum Einsatz. In neurologischen Frührehabilitationen aber auch neurologischen Langzeitrehabilitationseinrichtungen wie dem Zentrum für Beatmung und Intensivpflege, beschäftigen fachpflegerische und therapeutische Experten , welche sich um den kontinuierlichen Einsatz von LiN® am Patienten*in/, Bewohner*in, Klient*in kümmern. LiN® kann nachweislich dazu beitragen allen Betroffenen mehr Lebensqualität zu vermitteln und bei der Behandlung von Kontrakturen aktiv unterstützen. Angehörige Personen können in der Praxis ebenso einfache Lagerungsprinzipien vermittelt werden um Verständnis für dieses Konzept zu erlangen.

Literatur:

 

-       DNQP (2017), „Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege“, 2 Aktualisierung 2017,Hochschule Osnabrück.

-       Hartnick A. (2009), „Realisierungsprozesse: Die Pflegerische Leistung – Lagerung in Neutralstellung“, 5. Nachtragslieferung, März 2009.

-       LiN-Arge, (2021), „Definition LiN – Lagerung in Neutralstellung“,https://www.lin-arge.de/de/definition (abgerufen, 18.08.21)

-       Pickenbrock H. (2006), „Rund um die Uhr gelagert. Lagerung in Neutralstellung. Physiopraxis, 2006, S. 23-36.

 

Abbildungsverzeichnis:

 

1. LiN-Arge (2021),

Abbildung 1. www.lin-arge.de/uploads/files/Abb_1_Vergleich_LiN-KON_dt_%20%C3%84rzteblatt.jpg